Angebot/ InfosTageskarteNewsVeranstaltungenKulturvereinPresseKontaktLinksStellenHome
Presse Zurück

«Die S-Bahn ist eine Bühne»

«Die S-Bahn ist eine Bühne» [ Meldung vom 12.07.2010 ] Tages-Anzeiger

Macht die S 5 eine Gemeinde wie Uster zur Schlafstadt? Nein, zur Wohnstadt, sagt Autorin Barbara Stengl.

Mit Barbara Stengl sprach Marcel Reuss «Wetzikon». Monoton ist die Lautsprecherstimme und gleichförmig oft der Siedlungsbrei, dem die S 5 entlangfährt. Von Zürich bis Rapperswil und zurück. Über die Hälfte der Schweizer lebt in einer Agglomeration. Doch wie?

Ein ETH-Projekt ging der Frage nach und hat unter der Leitung des Freiburger Professors Joris van Wezemael Bewohner der «S-5-Stadt» interviewt. Die Antworten hat die Ustermer Autorin Barbara Stengl zu einer Geschichte verarbeitet. Frau Stengl, ist das Schönste an Uster die S 5, die nach Zürich fährt? Keinesfalls. In Uster ist man rasch am See, in der Natur und schneller in Zürichs Zentrum als jemand aus Wollishofen. Man ist also gut angebunden, sowohl was Jobs als auch was das Kulturleben angeht. Das macht Uster zur attraktiven Wohnstadt. Dank der S 5. Ist es nicht eher umgekehrt: Die S 5 macht Uster zur Schlafstadt? Es ist nochmals anders, denke ich. Die S 5 hat Zürich die Agglomeration näher gebracht. Und was Uster angeht: Die Stadt hat sowohl eine eigene Identität als auch ein eigenes kulturelles Leben, das sich von Zürich abgrenzt. Inwiefern? Ich rede jetzt vom Theater. Ein regionaler Bezug ist da wichtig und praktisch nebenbei: Wer kurz vor der Aufführung kommt, der findet immer noch einen Platz und kennt bestimmt jemanden. Aber natürlich, wer Schauspielhaus- oder Gessnerallee-Qualität sucht, der geht nach Zürich. In Uster findet er Off-, Laien- und volkstümliches Theater. Was fasziniert Sie an der S 5? Dass sie etwas Demokratisches hat, weil alle S 5 fahren. Der Bauarbeiter, der Reiche, Jugendliche, die in den Ausgang wollen, Pensionierte, Familien. Die Bahn ist die Schnittstelle zwischen privatem und öffentlichem Bereich. Sie schreiben von der Wirbelsäule des Oberlandes, in der sinniert, gelebt, geliebt werde. Ist es nicht eher so, dass man schwitzt, sich langweilt und «20 minuten» liest? Natürlich kann einem auf den Geist gehen, wenn man als Pendler einquetscht nach Zürich oder zurück fährt. Es steckt aber auch eine Menge Alltagskomik in diesen Situationen. Die entnervte Mutter, deren Kind quengelt, und genau weiss, dass alle verfolgen, wie sie reagiert. Die Bahn als Bühne. Eine Bühne, auf der die meisten reserviert bleiben. Ist das symbolisch für die «S-5-Demokratie»? Äusserlich reserviert, innerlich oft aber berührt. Klar grenzen sich viele ab, mit iPod oder Zeitung, und doch hat man entschieden mehr Kontakte, als wenn man mit dem Auto unterwegs ist. Die ETH-Studie geht dem Leben in der Agglomeration nach. Was fanden Sie interessant? Etwa die Antwort auf die Frage, wieso jemand nach Bubikon, Rüti oder Uster zieht. Es ist der Traum vom besseren Leben, der Familienidylle, die man in der Agglomeration sucht. Ein Ideal, das im Alltag bröckelt. Spannend sind auch die Aussagen von Jungen über ihre Zukunft. Was sagen die? Dass sie sich vorstellen können, eine Zeitlang in Zürich zu leben, sobald sie aber Familie hätten, würden sie wieder nach Wetzikon oder Uster ziehen. Und Sie, können Sie sich vorstellen, in Zürich zu leben? Hätte ich keine Kinder, auf jeden Fall. Uster ist aber praktischer, alle Wege sind gut alleine zu bewältigen. Was haben Ustermer für ein Bild von Zürich? Der Alteingesessene meint Zürich, wenn er sagt, ich gehe in die Stadt. Der Neuzugezogene meint mit Stadt das Zentrum von Uster. Das hat damit zu tun, dass der Alteingesessene die dörfliche Struktur im Kopf hat, während der Neuzuzüger zuerst den städtischen Charakter wahrnimmt und den dörflichen erst später. «Zwischenton, der S-5-Akkord» – Konzertlesung, Agglo-Theater. Heute, 20.30 Uhr, Zum Hut. Café- und Weinbar, Bahnhofstrasse 18, Uster. www.agglo-theater.ch Barbara Stengl Die Theaterwissenschaftlerin lebt seit13 Jahren in Uster, wo sie unter anderem Regie für das Agglo-Theater führt. Alle fahren S-Bahn und die, die nicht fahren, warten: Szene an einem Ustermer Bahnübergang. Foto: Dominique Meienberg




::